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[Digitaler Minimalismus] Ich schalte dann mal ab

10. März 2019

Ein Thema, das bei mir immer mal wieder sehr präsent ist, ist das Social-Media-Fasten. Ich liebe Twitter und Instagram, aber ich habe immer auch wieder Momente, in denen ich mich komplett überfordert fühle von der Social-Media-Welt. Dann sind mir die Nachrichten zu schnell, die Diskussionen zu aggressiv und dann ist mir der Input zu viel. Vor kurzem las ich das Buch Digital Minimalism von Cal Newport und das hat mich mal wieder dazu angeregt, meinen digitalen Konsum zu überdenken und ich möchte gerne einiges an meiner Nutzung ändern. Und das eben nicht nur für einen bestimmten Zeitraum, sondern bestenfalls langfristig.

Da ich in der letzten Zeit Urlaub hatte und daher komplett auf Social Media verzichten konnte, habe ich einfach mal mit einem kleinen „Digital Detox“ angefangen und arbeite inzwischen daran, nach der kleinen Fastenkur nicht wieder in alte Verhaltensmuster zu fallen. Hier sind ein paar Gedanken von mir zu dem Thema und was mir nun dabei hilft, das auch weiterhin umzusetzen:

  • Bringt es mir was, oder nervt es mich nur?

Das ist ein Gedanke, auf den mich Cal Newport gebracht hat. Ich nutze Twitter, Facebook und Co. um auf dem Laufenden zu bleiben was News angeht, was aktuelle Diskussionen angeht und auch wenn es um meine Hobbies oder interessante Angebote von Online-Shops geht. Daher habe ich mir auch immer gesagt, ich könnte nie auf diese Kanäle verzichten, weil mein Nutzen einfach zu hoch ist. Cal Newport stellt das aber dann alles mal ein bisschen in Frage: Kann ich es, wenn ich locker 3, 4 oder 5 Stunden am Tag auf mein Handy sehe und dabei unfassbar viel Zeit drauf geht, wirklich mit „Aber es bringt mir halt so viel!“ aufwiegen? Touché. Von 3 Stunden auf Twitter ist vielleicht einmal etwas wahrlich Bereicherndes dabei. Wie der Post von der Bekannten, die gerade zufällig in der Stadt ist und die ich verpasst hätte. Oder die tolle Lesung, von der ich erfahre, weil sich meine Timeline darüber unterhält. Ich möchte das nicht missen, aber es ist wirklich das permanente Checken der Twitter-Timeline wert?

Um mich auf das wirklich „Nützliche“ zu konzentrieren, habe ich meine Digitale Detox-Phase dazu genutzt, Accounts auszusortieren. Shops sind rausgeflogen, denen ich folge, weil es bei ihnen zwei Mal im Jahr ein tolles Gewinnspiel gibt, wofür ich aber den Rest des Jahres Inhalte überscrolle, die mich nicht interessieren.  Ähnlich ist es mit YouTube-Accounts. Ein gutes Video? Zack: abonniert. Alles, was dann hochgeladen wurde und toll klang, landete in meiner „Später Ansehen“-Liste. Aber das alles durchzugucken schaffe ich dann doch nie. Rausgeflogen sind die Wissens-Kanäle, deren Videoinhalte nie so richtig bei mir hängen geblieben sind. Und die ganzen US-Talkshows, wo unter 30 Gästen mal einer dabei war, von dem ich auch wirklich etwas sehen wollte. Oder die YouTube-Menschen, die ich zwar richtig interessant fand, deren Vlogs ich mir dann aber doch kein einziges Mal angesehen habe. Und sowieso diejenigen, die nur noch Unboxings und Hauls machen. Bei vielen, gerade auch bei Brettspiel-Kanälen, weiß ich: Wenn ich zu einem bestimmten Thema etwas suche und sie haben dazu etwas gedreht, werde ich es schon finden. Dafür muss ich sie nicht abonnieren.

Genauso geht es mir mit Podcasts, die inzwischen auf eine Handvoll Lieblings-Podcasts ausgedünnt wurden. Und auch mit Newslettern. Ich habe radikal alles abbestellt, wo ich seit einem Jahr nichts mehr gekauft habe. Newsletter, die ich irgendwie aus nostalgischen Gründen nicht kündigen wollte, weil ich vor vielen Jahren mal was Tolles dort bestellt hatte und die Bestellung so süß verpackt war. Ihr kenn das. Pluspunkt außerdem: Ich werde nicht mehr ständig per Mail in Versuchung geführt, weil so viel kaufen will ich schließlich auch nicht.

Abonniert habe ich jetzt nur noch Newsletter von dem einen Klamottenladen, bei dem ich regelmäßig bestelle und von dem Second-Hand-Buchladen meines Vertrauens. Es ist herrlich, wie wenig Zeit ich seitdem damit verbringe, Mails zu löschen, die ich eh nie gelesen hätte.

Das bringt aber natürlich nur was, wenn jetzt in den nächsten Wochen nicht 14 neue dazu kommen. Also werde ich nun versuchen, nicht mehr jeden X-beliebigen Newsletter zu abonnieren, weil es 10% Rabatt gibt, oder Twitter-Accounts, weil dieser eine Tweet so gut war oder dem Instagram-Kanal, weil ich das Buch, was diejenige gerade liest so verlockend klingt. Dabei hilft mir ab sofort immer der Gedanke: Nützt es etwas oder spammt es mir eher alles zu, als das ich wirklich Freude damit haben werde?

  • Will ich gerade bewusst etwas am Handy tun?

Das kennen wir sicherlich alle: Das Handy liegt neben mir, also greife ich hin. Mal eben auf die Uhr schauen. Und wenn man dann eh schon aufs Handy sieht, kann man auch noch schnell bei Facebook gucken, ob es was Neues gibt und Twitter checken und dann direkt noch mal Facebook. Schließlich hatte ich eh schon längst vergessen, was ich eigentlich nachsehen wollte. Und so bin ich plötzlich 30 Minuten am Handy, obwohl ich nur gucken wollte, wie spät es eigentlich ist. Oh, diese verdammte Mini-Slot-Maschine. Man weiß halt nie, was als nächstes Spannendes in die Timeline gespült wird …

Was ich von mir zu gut kenne: Ich schaue aufs Handy, scrolle durch Twitter, schließe die App, und klicke mich dann wieder zu Twitter, um die App wieder zu öffnen. Und dann fällt mir erst auf, dass ich da aber doch gerade her kam. Wie so ein Zombie. Und das möchte ich nicht mehr.

Ab sofort versuche ich mich jedes Mal, bevor ich zum Handy greife, zu fragen, ob ich das jetzt wirklich gerade möchte, oder ob ich das automatisch mache, weil ich Langeweile habe. Gibt es einen Grund? Und kann ich nicht etwas anderes machen, wenn es gerade Langeweile oder ein Automatismus ist?

Das bewusste Leben mit dem Smartphone, und hier füge ich das tolle Wort „Achtsamkeit“ ein, ist etwas, das ich für mich wirklich kultivieren möchte. Finde ich gute Artikel auf Twitter und Co, mit denen ich mich genauer beschäftigen möchte, speichere ich sie in Pocket. Die App habe ich auf dem Laptop und auf dem Handy. Ich lese dann Artikel nicht mehr ständig nebenbei, während ich zum Beispiel eigentlich gerade YouTube schaue und danach merke, dass ich weder etwas vom Video mitbekommen habe, noch konnte ich mich richtig auf den Artikel konzentrieren. Das war irgendwie auch immer unbewusster Stress. Ich sammle nun solche Artikel und nehme mir später bewusst Zeit, in der ich Pocket öffne und mir dort die gespeicherten Seiten durchlese. Und in dieser Zeit mache ich eben nichts anderes.

  • Does it spark joy?

Jahaa, der Merksatz von Marie Kondo gilt für mich auch online. Ich habe inzwischen viele Accounts aus meinen Social-Media-Kanälen geworfen, die einfach kein Joy mehr gesparkt haben. Da gab es einige, denen ich nur noch folgte, weil ich ihnen schon ewig folgte und es irgendwie nicht übers Herz brachte, diese Verbindung zu kappen. Gemeinsam hatten wir schon lange nichts mehr, daher war meine Timeline voll mit Posts zu Themen, die mich null interessieren oder mich sogar eher nervten. Und dann gibt es noch solche, die ständig Inhalte posten, bei denen ich merke, dass es mir damit nicht gut geht und die mir irgendwie kein gutes Gefühl geben. Ich hatte vor einer Weile schon damit angefangen, solche Accounts auf Twitter stumm zu schalten oder auf Facebook zu deabonnieren. Merke ich da nach einiger Zeit, dass ich sie nicht einmal vermisst habe, fliegen sie dann komplett raus.

  • Das Hirn mal ruhen lassen

Ein wichtiges Argument das Cal Newport erwähnt ist, dass wir unser Gehirn permanent mit Input zuballern (okay, er formuliert es etwas anders), so dass wir überhaupt nicht mehr selber denken können. Auch unsere Kreativität geht dabei flöten, weil uns für sie überhaupt kein Raum mehr bleibt. Wir können die Zeit in der Bahn dafür nutzen, aus dem Fenster zu sehen, um einfach mal mit uns zu sein. Das können wir heute nämlich kaum noch. So wie Henry David Thoreau im 19. Jahrhundert in seine Hütte in den Wald ging, können wir heute einfach mal üben zu „sein“ ohne auf irgendein Display zu schauen. Ich versuche das gerade ganz bewusst umzusetzen. Und schon jetzt merke ich, wie gut mir das tut. Ich fühle mich tatsächlich weniger unter Strom, einfach weil ich ein paar Minuten lang am Tag meine Gedanken mal wandern lassen kann, ohne dass sie von Nachrichten-Schlagzeilen oder von Podcastern auf den Ohren abgelenkt werden.

  • Meine Tipps für den Digitalen Minimalismus

Folgende Apps und Tricks helfen mir gerade ganz besonders, um nicht wieder in alte Verhaltensmuster zu fallen:

Um 22 Uhr schaltet sich mein Handy in den „Nicht stören“-Modus. Das heißt bestimmte Anrufer oder Nachrichten können mich erreichen, der Rest bleibt stumm. Auch tagsüber lasse ich mein Handy immer öfter lautlos. Anfangs war da immer noch ganz viel das Gefühl, ich müsste doch aber erreichbar sein, wenn etwas Wichtiges ist. Meine engen Freunde und meine Familie wissen inzwischen, dass sie mich dann einfach auf dem Festnetz anrufen können. Das hilft mir dabei, mit einem guten Gefühl das Handy stumm zu schalten.

Wie erwähnt nutze ich die App Pocket, in der ich Artikel, Blogbeiträge oder auch Twitter-Posts speichern kann. So kann ich mich später in Ruhe damit – und nur damit – beschäftigen und nicht während ich noch fünf andere Dinge nebenbei mache.

Hilfreich ist für mich auch die App Stay Focused. Hier kann ich einstellen, wie oft beziehungsweise wie lange ich bestimmte Apps nutzen will. In meinem Urlaub hatte ich zum Beispiel eingestellt, dass Twitter und Co. nach jeweils 30 Minuten gesperrt werden und meine E-Mails konnte ich nur 3 Mal täglich abrufen. Das ist deshalb ganz nützlich, weil man vor jedem Nutzen der Apps darüber nachdenkt: Will ich das gerade wirklich und will ich jetzt wirklich die verfügbare Zeit „verschwenden“? Außerdem trackt die App, wie lange und wie oft man das Handy täglich nutzt und oh dear, fragt nicht …

Um komplett vom Handy wegzubleiben und um nicht mal eben den einen Schauspieler zu googeln, der da gerade auf Netflix ist und dann direkt wieder bei Twitter zu versacken, nutze ich Forest. Die App sperrt das Handy für eine ausgewählte Zeit. Schafft man es durchzuhalten, wächst ein virtueller Baum. Schafft man es nicht, stirbt er und ich bringe das wirklich nur schwer übers Herz, so virtuell er auch sein mag …

Der Digital Minimalism-Tipp schlechthin: Benachrichtigungen ausstellen. Ich muss wiederum dann aber aufpassen, dass ich nicht ständig aufs Handy sehe, um zu checken, ob mir nicht jemand geschrieben hat, weil ich es ja nicht mehr mitgeteilt bekomme. Aber auch das hab ich inzwischen ganz gut im Griff, siehe Punkt „Will ich gerade bewusst etwas am Handy tun?“ 😉

Für eine bestimmte Zeit wollte ich komplett auf meine Social-Media-Kanäle verzichten. Ich habe aber doch gemerkt, dass ich mich wie automatisch hier und dort wieder eingeloggt hatte, aus alter Gewohnheit. Dabei half es mir, meinen Account abzugeben. Mein Freund änderte die Passwörter und so kam ich nirgends ran, ohne gleich komplett mein Passwort zurücksetzen zu lassen.

Ein Tipp, von dem man öfter hört, den ich allerdings nicht nutze: Das Handy in den Schwarz-Weiß-Modus versetzen. So macht das Surfen, vor allem mit Apps wie Instagram, viel weniger Spaß, weil alles nicht mehr so hübsch ist. Ich finde das allerdings eher unangenehm, wenn alles Schwarz-Weiß ist, daher kein Tipp für mich, aber vielleicht ist das ja was für euch.

Kennt ihr diese Phasen, in denen ihr euch Pausen von den Sozialen Netzwerken wünscht? Habt ihr vielleicht noch weitere Tipps?

PS. Interessant zu dem Thema fand ich auch diesen Artikel in der New York Times: Do Not Disturb: How I Ditched My Phone and Unbroke My Brain.

 

 

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