Intro/HSP

Hurra! Introversion ist laut geworden!

30. August 2018

Introversion ist überall und ich finde das großartig! Wenn man im Internet danach sucht, findet man unzählige Webseiten, Artikel, YouTube-Videos, Podcasts, Bücher, Buzzfeed-Listen und sogar Comics zu dem Thema. Immer geht es darum, was Introvertierte von eher extrovertierten Menschen unterscheidet. Nicht ganz unschuldig daran ist sicher Susan Cain, die 2012 das Buch „Quiet. The Power of Introverts in a World That Can’t Stop Talking“ veröffentlichte. Sie rückte das Thema in den Fokus und immer mehr Menschen, vor allem natürlich diejenigen, die sich darin wiedererkannten, sprachen darüber und tauschten sich aus.

Danke, Internet!
Vielleicht, oder vermutlich, hat auch das Internet einen großen Teil dazu beigetragen. Gerade in Foren und auf Plattformen wie Twitter oder Facebook ist es online so einfach Gleichgesinnte zu finden und sich über die gleichen Interessen auszutauschen. Und da viele Introvertierte sowieso lieber schreibend kommunizieren, ist das dann auch der beste Ort, um herauszufinden „Was? Dir geht es auch so? Ich dachte nur ich hätte diese Macke!“ Inzwischen trägt man das „introvertiert“ in Kurzbeschreibungen im Netz mit sich herum und teilt lustige Comics zum Thema (das hier ist mein aller, aller liebster!).

Ich bin dem Internet und den ebenfalls ruhigen Menschen, die dadurch auch in mein echtes Leben gespült wurden, unendlich dankbar dafür, dass wir gemeinsam merkten, dass wir nicht krank oder nicht unnormal sind. Nur weil wir eben nicht an jedem Wochenende feiern gehen müssen, weil wir es nicht schaffen, an jedem Tag nach der Arbeit noch volles Sozial-Programm zu haben und weil wir einfach glücklich sind, wenn wir mal ein paar Tage nur mit uns verbringen können.

Es war nicht immer so …
Ich erinnere mich (leider) noch zu genau an meine Schulzeit. Introvertiert zu sein war etwas sehr negatives. Und an mir als introvertiertem Kind bestand ständig Verbesserungsbedarf. Ich musste mir von meinen Lehrerinnen und Lehrern regelmäßig anhören, dass ich zu still sei. Ich würde in den Klassenarbeiten ja zeigen, dass ich viel mehr weiß als ich im Unterricht zeigte. Und wenn die Lehrer mich im Unterricht einfach so aufriefen, ohne dass ich mich gemeldet hatte (i hate you!), würde ich auch immer die richtige Antwort parat haben. Von alleine meldete ich mich aber so gut wie nie. Es war für die meisten Lehrer einfach unverständlich, warum ich mein Wissen nicht wie die restlichen der Klasse munter heraus posaunte und mir sämtliche Zeugnisnoten durch die mündliche Note verschlechterte.

Ich meldete mich so selten zu Wort, weil während meine Mitschüler schon die richtige Antwort lieferten, drehte die gestellte Frage in meinem Gehirn noch ein paar Runden mehr durch die Hirnwindungen. Weitere Schubladen im Kopf wurden geöffnet, Infos verglichen, und sobald ich mir daraus eine Antwort formuliert hatte, die zu mindestens 90 Prozent korrekt war und ich auch auf alle eventuellen Gegenfragen vorbereitet war, war die Klasse schon drei Fragen weiter. Aber nur so funktionierte mein Gehirn nun einmal.

Meinen Eltern wurde damals empfohlen mich zu einem Psychologen zu schicken, der etwas gegen meine Introversion tun könnte. Sie entschieden sich mit mir zusammen übrigens gegen so eine Behandlung, „Cookie ist doch nicht krank!“

Mit aller Macht gegen die Introversion
Heute finde ich es faszinierend, dass man damals offensichtlich dachte, dass man Introversion „heilen“ könnte und es auch muss, damit man eben mitkommt und nicht von den Extros in allen Bereichen des Lebens abgehängt wird. In meiner Parallelklasse gab es übrigens so ein „Erfolgserlebnis“: Da gab es ein vermeintlich ruhiges Mädchen, das durch ein paar Besuche beim Psychologen plötzlich mutig und laut war. Zumindest sah es eben nach außen hin so aus und ich hatte die Hoffnung, dass ich mich auch dahin entwickeln könnte und irgendwann dann auch „normal“ werden würde, wenn ich mich nur genug anstrengte. Heute denke ich: Sicherlich kann man Strategien erlernen, um mit bestimmten Situationen besser umgehen zu können. Aber auch damals hätte aus mir nichts und niemand eine Extrovertierte machen können.

Von daher freut es mich, dass das Thema inzwischen mehr Aufmerksamkeit bekommt. Ich erfahre auf jeden Fall immer mehr Verständnis von meinen Extro-Freunden, die durch dieses Wissen auch gut mit meinen „Macken“ leben können. Sie wissen, dass es auf keinen Fall persönlich gemeint ist, wenn ich nicht die Nächte mit ihnen durchfeiern möchte oder an einem gemeinsamen Abend eher gehe – obwohl ich Spaß habe. Dass wir heute mehr über die Eigenschaften Intro- und Extrovertierter wissen, hilft da einfach sehr. Beiden Seiten.

Und ich hoffe, dass auch immer mehr Lehrerinnen und Lehrer sensibel für das Thema werden und kein Kind mehr ständig dem Gefühl ausgesetzt ist, dass es falsch funktioniert, weil es ruhig und auf den ersten Blick ernster ist als andere.

 

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